Was ist ein Gottesdienst?
Das gottesdienstliche Leben ist in unserer gegenwärtigen Kirchensituation sehr verarmt. Viele kennen überhaupt nur noch die Eucharistiefeier – entweder weil sich ihre gottesdienstliche Praxis auf das unbedingt Notwendige reduziert hat oder weil sie in einer priesterzentrierten Sichtweise verblieben sind und ihr Priestertum als Getaufte vergessen haben. Dabei singen wir doch im Gotteslob: „An Jesu Christi Priestertum hab ich nun teil in Gnaden“ (GL 917) oder „der uns macht heilig durch sein Priestertum“ (GL 248). Manche werten gar die nichteucharistischen Gottesdienste ab und halten sie gar nicht für „richtige“ Gottesdienste.
Aus solcher Engführung und Verarmung kann man sich nur befreien, wenn man
a) die katholische Lehre von der Liturgie, wie sie vor allem im Zweiten Vatikanischen Konzil dargelegt wurde, wirklich verstanden und angenommen hat; und
b) wenn sich auch in der gottesdienstlichen Praxis etwas vom Reichtum der katholischen Liturgie widerspiegelt.
Was zählt nun also nach katholischer Lehre alles zu den Gottesdiensten?
1. Im Zentrum der heiligen Handlungen steht die Eucharistie (im Osten auch als „die Liturgie“ bezeichnet), in der die Gemeinschaft mit Christus am intensivsten verwirklicht wird.
2. Um sie herum legt sich der Kreis der (übrigen) Sakramente, die den Menschen entweder in die Eucharistiegemeinschaft einfügen (Taufe, Firmung), ihm in besonderen Situationen helfend zur Seite stehen (Versöhnungsfeier, Krankensalbung) oder zu einem besonderen Dienst in der Kirche befähigen (Weihe- und Ehesakrament).
3. Die sonntägliche Osterfeier findet in abgestufter Weise ihre werktägliche Entsprechung in der Tagzeitenliturgie, also Morgen- und Abendlob. Wie schon in der letzten Pfarrbriefausgabe angeführt sollte in jeder Pfarrkirche täglich wenigstens ein Gottesdienst gefeiert werden; und da steht die Tagzeitenliturgie an erster Stelle.
4. Schließlich zählen auch Wortgottesdienste, Andachten, Rosenkranzgebet, Taizé-Gebet, Prozessionen, und ähnliche Feiern zu den Gottesdiensten. Sie sind meist nicht gesamtkirchlicher, sondern nur regionaler, teilkirchlicher Brauch.
Worum geht es aber in all diesen Feiern? Was ist das Wesen eines christlichen Gottesdienstes?
Das Wesen des christlichen Gottesdienstes ist nur im Glauben erfaßbar: Hier wirkt der dreifaltige Gott. „Gott ruft sein Volk zusammen“ (GL 640); das Ostergeheimnis Christi steht der Gemeinde vor Augen; sie läßt sich vom Heiligen Geist verwandeln zu einer „gottvollen“ Gemeinschaft, die eine Liebe ausstrahlt, die letztlich nicht von dieser Welt ist.
Das Zweite Vatikanum nennt die Liturgie den „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (SC 10). Ein Höhepunkt kann die Liturgie freilich nur sein, wenn ihr vieles vorgelagert ist: vor allem das Berührtsein von Jesus und seinem Evangelium, eine wirkliche Umkehr und Zuwendung zu ihm und die Bereitschaft zu einem Leben der Hingabe und des Loslassens. Ohne diese Voraussetzungen kann kein Gottesdienst gelingen.
Edwin Ziegler, Pfarrer